Mittwoch, 15. Oktober 2008

Darf man das?

Darf man sagen, dass das Referendariat anstrengend ist? Hier interessiert mich wirklich mal die Meinung aller Freunde und Feinde. Man stelle sich vor: Der Tag beginnt um 5 Uhr 4 Minuten: Aufstehen, Frühstück vorbereiten fürs Kind, einen Kaffee trinken, duschen, Kind aufwecken und den ersten Kampf des Tages beginnen, weil das Kind nicht aufstehen will, nicht kann, aber doch muss- und zwar gleich und nicht erst in fünf Minuten, denn wenn man jetzt noch später aus dem Haus kommt, kommt man zu spät in die Schule. Also dann, lieber Kampf, als zu spät zur Arbeit, was eine schlechte Beurteilung nach sich ziehen würde ... keine Chance auf Verbeamtung etc. Also die Frage nach Rabenmutter oder lieber schlechte Beamtin. Man entscheidet sich also für Rabenmutter, das kann man leichter wieder ausbügeln, zumindest zunächst, meint man.
Gut. Also Kampf, Gejammere und viele laute Worte, Drohungen, Tränen und all den Stress. Dann: Kind bei der Nachbarin abgeliefert, letzter Kuss und ein "hab Dich lieb" in die kalte Herbstluft hineingehaucht, um den Ärger des Aufstehens und das eigene schlechte Gewissen wieder zu beruhigen. Dann, trotz kalter Luft schon wieder völlig durchgeschwitzt im Auto sitzend, einen Laster nach dem anderen überholend, sonst -keine Chance auf Pünktlichkeit, Verbeamtung und schlechtes Gewissen des Kindes wegen - vergebens. Die Uhr tickt. Man wollte doch noch die Stunde kurz, ein Mal , durchlesen um gut vorbereitet zu sein, nun gut, jetzt bleibt nur noch Zeit zum Kopieren aller relevanten Materialien. Auch noch gut. Erste Stunde: Man kommt verschwitzt in der Klasse an, hetzt ein nervöses "Guten Morgen" mit entsprechend motivierender Laune in den Raum und beginnt, erneut mit schlechtem Gewissen. Hinten drin sitzen 8 Augen, die "man" bewerten, beurteilen, röntgen und Fragen, auf Geheiß des Betreuungslehrers, beantworten, wie z.B.: wann treten die meisten Störungen im Unterricht auf und warum? Wie ist die Körpersprache des Referents und warum? (was besonders schlimm ist: sieht man schlechtes Gewissen? Ja. Man sieht es.) - Sind die Arbeitsaufträge sinnvoll gestaltet, notieren sie 7 negative Elemente und 7 positive des Unterrichts usw. Gut, man bekommt die Stunde schneller rum als gedacht und auch die nächste, die man hält. Irgendwie macht es auch Spaß, zumindest, wenn man merkt, dass es ganz gut gelaufen ist. Wenn nicht, ist man ganz schön erledigt. Schweißflecken zeichnen sich ab und stinken nach spätestens 4 Stunden! Wenn dann die Mitreferents auch noch zur Stunde schweigen, weiß man was es geschlagen hat und man spürt auch warum. Dann beginnen die Selbstbeschimpfungen und Fragen ob man gut genug ist, das Ganze so gut hinbekommt wie man dachte? Mann, hat man eine gute Meinung von sich gehabt...Die Betonung legt man auf "gehabt". Gut - dann kommen Seminare über Psychologie, Schulrecht, Politik usw. Interessant, jedoch anstrengend. Selbsterkenntnis, das Zauberwort. Wenn die nur wüssten, dass man heute schon mindestens 10 Selbstzerstörungen hatte! Gut! - Bis 15 Uhr keine einzige Pause, doch: fünf Minuten: Zigarette. Dann um 3 gehts heim. Man braucht erstmal 20 Minuten um aus der Stadt zu kommen, dann das selbe Spiel wie morgens: Laster, Traktoren und sonstige Landfahrzeuge... überholen. Dann setzt langsam die Müdigkeit ein, immer stärker und man kann die Augen kaum noch offen halten. Endlich daheim, holt sich das Kind nicht von alleine von der Mutter ab. Deshalb muss man nicht nur das tun, sondern auch noch einkaufen, Essen machen, abspülen, Papiere einordnen, Überweisungen tätigen, das leere Konto beweinen, zur Post und Bücherei und sich den Tag des Kindes und der Mutter gleichzeitig anhören. Man denkt: Warum eigentlich nicht gleichzeitig, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Zeit gespart, wenn schon kein Geld, während man schon die nächste Stundenplanung im Kopf hat und sämtliche Erledigungen des Abends und nächsten Tages oder der kommenden Woche. Gut. Zu Hause erledigt man brav noch die Hausarbeit, das Kind erledigt man auch noch, man muss selbstverständlich auch doch noch den Ärger des Morgens büßen mit doppelter Aufmerksamkeitsbekundungen und " hab Dich liebs" die man auch so meint!!!! Und -auch den ganzen Schulkram erledigen. Doch dann denkt man:
Hey, wo bleibt mein Leben???
Man ruft eine Freundin an, erzählt vom Tage, vom fast schon vergessenen Tage, freut sich, dass man hier nichts leisten muss, dass man einem zuhört- und sagt: Es war schön, die Stunde lief gut, zumindest die Eine - aber anstregend. Sehr anstrengend! Darf man das sagen? Das frage ich alle Braven, die nicht jammern und alle nichtbraven, jammernden Anwesenden. Was meint ihr? Darf man wenigstens dann jammern?

PS: Die distanzierende Form "man" ist hier ganz bewusst gewählt um alle Beteiligten im tiefen stinkenden Sumpf der Neutralität verschwinden zu lassen wie stumm schreiende Halbwesen.
Punkt

1 Kommentar:

koya hat gesagt…

Also ich habe mir sofort nach Lesen dieses Eintrags eine Scheibe abgeschnitten und bin am nächsten Morgen früh aufgestanden - um 8 Uhr, au weia...

Meine Bewunderung!!!! Hut ab!!